Die Illusion antiker Schriften



HÖREN STATT LESEN | Viele Menschen glauben das wir unzählbare Mengen gesicherten Wissens aus der Antike besitzen. Doch ist das wirklich so? Ich habe ein kleines Beispiel aus der von mir nicht empfohlenen Quelle „Wikipedia“ erarbeitet, dem jeder dort anhand der folgende Benennungen nachgehen kann. Mein Beispiel führe ich anhand von Tacitus „Germania“ an, dem Grundwissen über die alten Germanen. Dies ist jedoch nur ein Beispiel, denn so wie im Folgenden erläutert, geht es fast allen antiken Schriften. Hier aber nun Wikipedias Wissen über Tacitus „Germania“ - aus drei Artikeln frei und kurz zusammengefasst.

Der Codex Hersfeldensis , die Quelle von Tacitus „Germania“, war eine frühmittelalterliche Handschrift des 9. Jahrhunderts. Sie wurde also nach dem Untergang Roms aus ungesicherter Quelle überliefert. Tacitus, der augenscheinliche Verfasser der Germania, war nie in Germanien, wie aus selbiger Quelle hervorgeht. Der Codex, in dem die Germania anscheinend geschrieben stand, wurde zwischen 830 und 850 verfasst und gilt als Ur-Handschrift für die (darin jedoch nur überlieferten) Handschriften der „Opera minora - die kleineren Werke des Tacitus“. Diese in jenen Handschriften befindliche „Germania“, die Grundlage allen Wissens über die alten Germanen, hat es im zuvor benannten Codex anhand eines einzigen Exemplar in die Zeit des Humanismus geschafft. Es wurde von Enoch von Ascoli (als Beauftragtem des Papstes Nikolaus V. zur Suche nach Handschriften mit klassischen Texten) in der Abtei Hersfeld aufgefunden und anschließend im Jahr 1455 nach Italien gebracht, wo es unter unbekannten Umständen verschwand, nachdem sich Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., als erster mit ihm befasste. 

Ja, tragischerweise ging das Original bei dieser Untersuchung verloren, so das wir heute nur noch auf eine klösterlich verfasste Kopie der Kopie zugreifen können.

Kurzum: Was Grundlage der germanischen Forschung auf literarischer Ebene ist, beruht ursprünglich auf einer ungesicherten Schrift ohne nachweisbare Quellangabe, die sich Jahrhunderte später auf eine weitere dann verschollene Schrift beruft, von der wir eine durch die katholische Kirche erstellte Kopie besitzen, bei der wir beachten müssen, das die katholische Kirche den alten Germanen nicht wohlgesonnen war. Und falls das bis hierher wieder vergessen wurde: Tacitus selbst war nie in Germanien.

Was wissen wir also gesichert über die alten Germanen? Gesichert wissen wir auf literarischer Ebene nichts. Mir stellt sich die Frage: Warum berufen sich Wissenschaft und Medien auf derart unsichere Quellen, ohne gewissenhaft auf ihre fragwürdige Herkunft hinzuweisen?

Wissen wir überhaupt irgendetwas gesichertes über unsere Vergangenheit? TvL

 

 

 

Artikel-Grundlage mit Quellinks

Die Schrift hat, zusammen mit den anderen „Kleinen Schriften“ des Tacitus, nur in einem einzigen Exemplar die Zeit des Humanismus erreicht. Es wurde von Enoch von Ascoli in der Abtei Hersfeld aufgefunden und ca. 1455 nach Italien gebracht. Als Erster hat sich Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., mit der Schrift befasst. Im mittelalterlichen Deutschland spielte der Begriff Germanen als Selbstbezeichnung für „die Deutschen“ kaum eine Rolle, versuchte man sich doch historisch in die Nähe der Römer zu stellen. [Link] | Der Codex Hersfeldensis war eine frühmittelalterliche Handschrift des 9. Jahrhunderts. Der Codex wurde zwischen 830 und 850 geschrieben und befand sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Abtei Hersfeld. 1455 durch Enoch von Ascoli nach Italien verbracht, wurde der Codex aufgeteilt, kopiert und ist seitdem verschollen. Der Codex Hersfeldensis gilt als Urhandschrift für die heutigen überlieferten Handschriften der Opera minora – die kleineren Werke Tacitus', unter anderem die sogenannte Germania. [Link] | Enoch von Ascoli der Entdecker des Codex Hersfeldensis und damit auch der Entdecker von Tacitus Germania (* um 1400 bei Ascoli Piceno; † um 1457), italienisch Enoch d’Ascoli oder lateinisch Enoch Asculanus war ein humanistischer Lehrer und Beauftragter des Papstes Nikolaus V. zur Suche nach Handschriften mit klassischen Texten. [Link]

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