Die drei Spinnerinnen waren in allen antiken Kulturen Europas bekannt



In Friedrich Panzers Sagensammlung "Bayerische Sagen und Bräuche" stießen wir auf die drei Schwesternnamen

Nornir, Fatae, Parcae,

welche uns zu den Schicksalsgöttinnen führten: Mit Nornir sind nämlich die Nornen, mit Fatae die Fates und mit Parcae die Parzen gemeint. Sie treten in der Regel als Dreiheit *) auf und sind in ganz Europa unter verschiedenen Namen nachweisbar:

- bei den Germanen die Nornen als Skuld, Urd und Verdandi

- bei den Römern die Parzen als Nona, Decima und Parca

- bei den Griechen die Moiren als Klotho, Lachesis und Atropos (bzw. Ananke, Heimarmene und Tyche)

- bei den Slawen die Zoryas als Utrennjaja, Wetschernjaja und Polunotschnaja (bzw. Rozhanitsy, Narecnitsy, und Sudzhenitsy)

- bei den Balten als Laima, Kārta und Dēkla; daneben die 7 Schwestern Deivės Valdytojos

- bei den Kelten als Brigid, Brigid the healer und Brigid the smith

- bei den Etruskern die Lasen als Lasa Achununa, Lasa Racuneta, Lasa Sitmica, Lasa Thimrae, Lasa Vecuvia (nach alter Forschung noch Alpan und Evan, so daß auch hier 7 bezeugt sind)

Die Erkenntnis, daß die drei Spinnerinnen in allen antiken Kulturen Europas bekannt waren, erschließt sich uns bereits allein aus obiger Auflistung, die sich in dieser Form nirgends findet. Auch der Zusammenhang, daß sich hinter den drei Schicksalsgöttinnen die drei Spinnerinnen verbergen, lässt sich so offen ausgesprochen ebenso wenig finden. Es stellt sich die Frage: Warum nicht? Ist es eine unerwünschte Erkenntnis, ein unerwünschter Zusammenhang? Muß wieder einmal erst die für viele Menschen abschreckende Fachliteratur gewälzt werden? Eine Antwort darauf gibt uns das Auftreten der Schicksalsgöttinnen bzw. Spinnerinnen als Dreiheit und unsere alten Sagen und Märchen:

*) «Häufig spielt dabei nicht eine einzelne Gottheit die tragende Rolle, sondern eine Dreiheit von Schicksalsgöttinnen», so die deutsche Wikipedia im Artikel Schicksalsgöttin.

Doch wird im deutschen Artikel kein Wort über eine Verbindung zu den Spinnerinnen oder Spindelfrauen verloren. Im englischen Artikel werden wir aber fündig: «Die Schicksalsgöttinnen formen das Schicksal eines jeden Menschen, oft ausgedrückt in textilen Metaphern wie dem Spinnen von Fasern zu Garn oder dem Weben von Fäden auf einem Webstuhl.»

Was noch ins Auge sticht: «Ihre Namen gelten als nordische Entsprechungen gängiger mittelalterlicher Vorstellungskonzepte der Zeit in Form von Personifikationen der Vergangenheit (Urd), Gegenwart (Verdandi) und Zukunft (Skuld).», so die deutsche Wikipedia über die Nornen in der Edda.

Doch wenn die Namen der Nornen aus dem Mittelalter stammen, wie nannten sie dann die Germanen?

Waren es eben jene drei Spinnerinnen oder Spindelfrauen, die am Rad der Zeit drehen? Sagen und Märchen über sie sind uns jedenfalls reichlich überliefert - an sich bereits ein Beweis, daß sie aus alter Zeit stammen.

Abschließend noch ein Hinweis darauf, daß die Spinnerinnen sich selbst in moderner Literatur wiederfinden, so in der populären historischen Romanreihe von Bernard Cornwell, Die Uhtred Saga (im englischen Original The Saxon Stories):

«Ich sah eine goldene Zukunft vor mir, wenn ich erst einmal das Königreich für Guthred gesichert hätte. Aber ich hatte die Boshaftigkeit der drei Spinnerinnen vergessen, die am Fuße der Weltenesche unser Schicksal weben.» (Zitat aus Band 3: Die Herren des Nordens)

Die Romanreihe wurde als Serie The Last Kingdom verfilmt.
Uhtred zu Brida: «Wo wir uns wiederfinden werden, dort ist das Schicksal. Das Werk der drei Spinnerinnen. Sie sitzen tief in dieser Erde unter uns und führten uns hierher.»

RW

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