Die Ewige Geschichte - Europas größtes Geheimnis?


ALLE FOLGEN | Im Einklang mit den fernen Stimmen meiner Vorfahren müsste diese Geschichte mit schönen und schmückenden Worten beginnen. Doch ich will ehrlich sein. Seit der Zeit der „falschen Runen“ hat man viele durch Lettern gezeugte Irrlichte in die Köpfe der Menschen gepflanzt. Wahnwissen wucherte dort, wie die Brombeeren in einem verlassenen Garten. Ich schreibe diese Zeilen im Jahr 2021. Dies ist eine Zeit, in der man größtenteils davon ausgeht, 120 Jahre lebendig bezeugten Wissens vorzufinden.

Was ich hier zu erklären versuche, ist ein Phänomen europäischer Sagen, das Volkskundler entweder mangels Auffassungsvermögen übersahen oder sie zu eifrigen Forschern machte, die vom Moment der Erkenntnis an, nie wieder in ihr altes Leben zurück fanden. Um was es hier geht, scheint undenkbar – und doch wurde es 1500 Jahre lang bezeugt.

In den 120 Jahren der Erinnerung meiner Zeit, konnte folgendes Phänomen nicht beobachtet werden: Am ehesten ist jene Begebenheit, um die es hier geht, derart beschrieben, dass ein besonderes Märchen im Volksmund wucherte, wie die bereits beschriebenen Brombeeren. Das besagte Märchen griff derart um sich, dass alle von ihm besessen schienen und seine Weise machte abertausende einfacher Menschen zu künstlerisch hochbegabten Lügnern. Besonders jene, die mit Tieren zu schaffen hatten – also Hirten, Jäger und Bauern.

Zu meiner Zeit stahl aber niemand eine märchenhafte Geschichte von einem anderen und erzählte von nun an, sie wäre ihm höchstpersönlich selbst widerfahren. So als würden plötzlich tausende Menschen in zahlreichen Ländern das gleiche Märchen für sich selbst beanspruchen. Denn genau darum geht es hier. Genau das ist bezeugt.

Es liegt nicht im Wesen ganzer Völker wundersame Geschichten überall im Land auf jeden einzelnen Bürger zu beziehen. Wenn jemandem irgendwo, irgendwann etwas außergewöhnliches widerfuhr, dann merkte man sich seinen Namen, man merkte sich wo es war, wann es war, wie es war und erzählte es dann eben genau so weiter. Nie wurde ein Märchen von allen Dörfern, Gemeinden, Städten, Regionen und Ländern abgeschaut und dann mit gefälschten Namen, Orten, Begebenheiten und Symbolen geschmückt, und trotz der immens wuchernden Lüge vom ganzen Volke weitergereicht und als wahr erachtet. 1500 Jahre lang.

Und doch scheint es, als sei genau das vor den Erinnerungen meiner Zeit passiert. Eine alte Sage nahm Einfluss auf alle anderen alten Sagen und wurde an allen Orten Europas immer und immer wieder bezeugt - 1500 Jahre lang, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Die Quellen der Erzählungen sind meist nur den Volkskundlern bekannt, da sie als Wissenschaftler auch die Herkunft mit allen verfügbaren Daten sichern. Und weil der einfache Leser diese Daten nicht kennt, fällt ihm auch nicht auf, was an den Geschichten derart besonders ist.

Ist es möglich, das sich die Menschen Europas 1500 Jahre lang ein und dieselbe Geschichte immer wieder ausdachten und sich gegenseitig als angebliche Wahrheit erzählten? Würde das bei den ungeheuren Menschenmassen nicht auffallen? Eine einzelne Geschichte über so lange Zeit in so vielen Ländern? Wäre es zudem denkbar, dass so eine Geschichte abertausende Menschen dazu veranlasste, in der absoluten Überzeugung zu leben, diese Geschichte selbst erlebt zu haben oder durch umstehende Personen bezeugen zu können? Und wäre das dann nicht das Ergebnis von einfacher Realität statt ausgedachter Lüge?

Was wäre, wenn es so eine Geschichte wirklich gab und was wäre, wenn es anders war, als zu Anfang gedacht? Was wäre, wenn niemand vom anderen abgeschaut und anschließend gelogen hätte? Was wäre, wenn ein und dieselbe Geschichte an allen Orten zu allen Zeiten tatsächlich erlebt wurde? Immer und immer wider. 1500 Jahre lang. Wäre das denkbar?

Die unzählbaren Augenzeugen und Chronisten der europäischen Sagen, waren sehr wahrscheinlich intelligent und kritisch – über Generationen hinweg. Sie waren wohl eher keine Abgucker oder Lügner und sie verpackten ihren Glauben bestimmt nicht in schwer nachvollziehbare Metaphern und Symbole. Warum sollten Menschen festgesetzte und immer identische Metaphern verwenden, um auf kompliziertem und leicht missverständlichem Wege eine Weltanschauung zu teilen, anstatt sie gerade heraus und verständlich zu erzählen? Ein jeder Bauer wäre ein Wortkünstler gewesen, der nicht in der Lage schien, sich für alle verständlich zu machen. Alte Schriften bezeugen, das sich unsere Vorfahren deutlich erklärten. So wie sich die Menschen meiner Zeit verständlich austauschen, taten es auch unsere Ahnen. Sie, die Augenzeugen und Chronisten, waren Beobachter und Akteure: Zeitzeugen, von etwas, das augenscheinlich über Generationen hinweg wie wild „mit einem Zaunpfahl winkte“.

Dies ist die Einschätzung meiner selbst und unzählbarer Gelehrter, die ihr Leben, seit nun zweihundert Jahren, der Erforschung eben dieser unerklärbaren Geschichte widmeten.

Ich habe mich gefragt, „wie erzähle ich anderen davon, ohne das sie mich dafür als verrückt erachten?“ Die Frage ist berechtigt, da im Jahr 2021 die krankhafte Sitte vorherrscht, einem Forscher, der das Weltbild des Zuhörers ins Wanken bringt, das Forschungsergebnis persönlich anzuheften und ihn dafür als lächerlich zu schimpfen - unabhängig davon, das der Forscher nicht persönlich für die Geschichte verantwortlich ist, welche ihm überliefert wurde. Erzählt man etwas, das andere nicht hören wollen, dann schimpfen sie ihn oft dafür oder halten ihn für „blauäugig“. Das „eckige und scharfkantige Weltbild“ meiner Zeit ist den Menschen des 21. Jahrhunderts heilig und sie haben große Angst, dass es jemand runden könnte.

Aber kommen wir zurück zur Ewigen Geschichte. Die Geschichte, die 1500 Jahre lang an allen Orten gleichzeitig stattfand. Wie Forscher früh herausfanden, war sie kaum in Archiven und alten Büchern zu finden, aber sehr wohl im Munde des europäischen Volkes. Wie kommt es, das eine derart bekannte Geschichte von hunderttausenden erlebt und bezeugt wurde, sie aber nur seltenst niedergeschrieben ist? Hat man einst die Bücher dieser Geschichte verbrannt? Oder hat man die Sagen, ihrem Namen nach, nur weiter erzählt, ohne sie aufzuschreiben?

Zunächst müsst Ihr die Geschichte selbst hören, denn ihr kennt sie nicht – oder ihr kennt nur wenige Zeilen aus ihrem verhallenden Ruf. Die ewige Geschichte lässt sich nur von jenen erkennbar lesen, die von ihrer ausstrahlenden Existenz inmitten der europäischen Sagen wissen. Dies zu erkennen ist nicht schwer, aber für viele undenkbar. Es ist der Zeitgeist der uns den Weg zu unseren Wurzeln versperrt.

Da ist eine Burg, oft als Schloss beschrieben, da sind drei Frauen, die auch allein und unabhängig erscheinen - aber nur für Wissende voneinander zu unterscheiden sind. Da findet sich ein Schlüssel, ein Rad, ein Schatz, ein Reiter, ein großer schwarzer Hund mit leuchtenden Augen, ein Hahn und ein Geprüfter. Sie sind wechselnde und viel erweiterte Bestandteile der Ewigen Geschichte, die als „viele Geschichten“ überliefert ist, aber im Detail eine einzige Ewige ergibt.

Das größte Geheimnis Europas wartet auf Erinnerung. Ja, ich bin mir sicher nicht zu übertreiben - es liegt mir fern hier etwas zu er-spinnen. Ich bin unter den unzähligen Forschern der letzten 200 Jahre vielleicht nur der Erste, der deutlich ausspricht, was bisher nur zwischen Zeilen mitgeteilt wurde - in alten Büchern, die kaum jemand kennt. Meine frühen Kollegen wussten mehr. Sie wussten aus eben dieser Geschichte, das immer dort, wo die Ewige Geschichte erzählt wurde, Männer auftauchten, um sie zu bekämpfen - um jene, die sie verbreiteten, zu vertreiben. Und diese Männer wurden beim Namen genannt. Es ist immer der selbe bezeugte Name. Sie trugen einen Namen, den auch die Menschen meiner Zeit kennen. Diese Männer mussten über Jahrhunderte hinweg unzählbare Geschichtenerzähler zum Schweigen bewegen, denn die Ewige Geschichte durfte nach ihrem Willen nicht fortbestehen. Sie setzten sich zum Ziel, den Quell der ewigen Rufe auszutrocknen.

Immer dann, wenn diese Männer der Ewigen Geschichte nicht Herr werden konnten, griffen sie zu einer sehr alten List, die vielen Menschen bis heute nicht gewahr wurde. Sie nahmen die Worte, wandten sie auf sich selbst an und verfremdeten die Geschichte derart, das sie von nun an Teil ihrer eigenen kläglichen Geschichte wurde. Auf diese Weise konnte sie den Männern nicht mehr schaden und ihr Quell trocknete bis zur Unkenntlichkeit aus. Volkskundler kennen das Vorgehen dieser Männer und selbst jene, die die Ewige Geschichte nicht erkannten, bezeugen dieses Vorgehen. So kam es, das heute fast niemand mehr von der Ewigen Geschichte weiß. Klarsehende Volkskundler lauschten den Sagen Europas daher nur aus dem Munde des Volkes, da zu erkennen war, das seit dem Erscheinen der Gebrüder Grimm, der Inhalt alter Sagen verdreht und verfälscht wurde. Eine Sage gehört eben, wie es ihr Name bezeugt, in Erzählung an den Herd – und nicht in gedruckte Bücher.

Dies sind die unzählbaren Namen der „Ewigen Geschichte“ – vorgetragen in Folgen, deren Zahl noch nicht zu erblicken ist, denn die „Ewige Geschichte“ ist im Gegenzug zu Michael Ende’s „Unendlicher Geschichte“, tatsächlich ewig. Vielleicht hat es ja eine tiefere Bedeutung, das der Autor einer fälschlich angepriesenen „unendlichen Geschichte“ den Namen „Ende“ trägt.

Erinnert Euch: diese Geschichte hat nicht nur einen einzigen Namen – sie wurde zu allen Zeiten an allen Orten erlebt und bezeugt und hat gleich viele Titel wie Kapitel. Daher ist sie „viele Geschichten“. Sie will uns etwas wichtiges Mitteilen – seit mehreren tausend Jahren. Etwas derart wichtiges, das unser aller Glück und Heil davon abhängen könnte. TvL

 

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