Rechercheaufruf: Wer waren die keltischen Frauen mit offenem Haar?



Für gewöhnlich präsentieren wir euch die kleinen und größeren Früchte unserer Recherchen rund um die Oera-Linda-Handschriften (OLH). Heute möchte ich es gerne anders herum machen. Ich möchte euch eine Geschichte präsentieren, bei der es gerade nicht darum geht, woher diese stammt. Wer sie kennt oder recherchiert, den bitte ich einfach, es für sich zu behalten, sonst würde das den Spaß an der Idee verderben. ;-) Wichtig ist nur: Habt ihr davon schon einmal gehört? Wenn ja, wo? Tauchen beim Lesen der Geschichte innere Bilder auf? Könnt ihr sie euch vor eurem bildhaften Auge vorstellen? Kramt in euren Erinnerungen, nehmt sie mit in euren Alltag, sucht aktiv nach Hinweisen, laßt es einfach mal sacken und die Geschichte auf euch wirken. Selbst wenn es Wochen, Monate, ja gar Jahre dauern sollte, daß ihr einen handfesten Hinweis, Beleg oder gar Beweis in der wissenschaftlichen Forschung für diese Geschichte oder Aspekte daraus findet – wir harren gerne geduldig guter Antworten! :-)

In diesem Sinne wünsche ich nun viel Vergnügen beim Lesen:

Lange vor Christi Geburt lebten Menschen auf dieser Erde, die sich Kelten nannten. Sie waren unsere Vorfahren, und ihre weisen Lehrer hießen Druiden. Wegen ihres umfassenden Wissens von der materiellen und der geistigen Welt wurden sie von vielen damals lebenden Völkern bewundert. In Anwesenheit der Druiden griffen die Kelten niemals zu den Waffen. Um den untersten Grad eines Druiden zu erreichen, mußte man sich zwanzig Jahre lang individuell von einem geistigen Meister, einem Oberdruiden, unterweisen lassen. Erst dann erhielt ein erfolgreicher Adept die Einweihung und den Titel «Barde». Damit fiel ihm das moralische Recht zu, unter das Volk zu gehen und zu singen. Durch seine Lieder brachte er Licht und Wahrheit unter die Menschen, und mit seinen Worten formte er Bilder, die für die Seele heilsam waren.

Die Kelten wurden wiederholt von römischen Legionen angegriffen. Die letzte Schlacht fand an einem Fluß statt. Da erblickten die Römer unter den Kriegern Frauen mit offenem Haar. Die römischen Feldherrn wußten: In Gegenwart solcher Frauen würden sie für einen Sieg über die Kelten eine sechsfache Übermacht brauchen. Warum das so war, wußten die erfahrenen Heerführer nicht, und auch die Geschichtsforscher von heute haben dafür keine Erklärung. Es muß aber offenbar irgendeine besondere Bewandtnis mit diesen unbewaffneten Frauen mit offenem Haar gehabt haben.

Die Römer überfielen die Kelten mit neunfacher Übermacht. Am Schluß war nur noch eine keltische Familie übrig, die an einen Fluß gedrängt worden war. Sie hatten einen Halbkreis gebildet und wehrten sich tapfer. Hinter ihnen stillte eine junge keltische Frau ein kleines Mädchen und sang. Die junge Mutter sang ein heiteres, freudiges Lied, damit in dem Mädchen keine Furcht oder Trauer aufkämen, sondern allein lichte Bilder in ihre Seele dringen könnten. Wenn das Mädchen von der Mutterbrust abließ, trafen sich die Blicke der beiden. Die Mutter unterbrach dann ihr Lied und nannte das Mädchen jedes Mal zärtlich «Barda».

Der schützende Halbkreis war inzwischen durchbrochen worden. Zwischen den anstürmenden römischen Soldaten und der stillenden Frau stand nur noch ein einsamer junger Barde, der blutüberströmt sein Schwert zum Kampfe erhoben hatte. Er drehte sich noch einmal zu der Frau um, ihre Blicke trafen sich, und sie lächelten sich an.
Der verwundete Barde konnte die Römer noch eine Weile aufhalten, so daß die Frau Zeit fand, zum Fluß herunter zu laufen, das kleine Mädchen in ein Boot zu legen und dieses vom Ufer abzustoßen.
Mit letzter Kraft warf der verblutende Barde der jungen Frau sein Schwert zu Füßen. Sie nahm es auf und kämpfte vier Stunden lang ununterbrochen mit den Legionären, um ihnen den schmalen Pfad zum Fluß zu verwehren. Die ermüdenden Legionäre lösten einander im Kampfe ab.
Die römischen Feldherrn verfolgten sprachlos den Kampf; es war ihnen unerklärlich, wieso die erfahrenen, starken Krieger dem Körper der Frau nicht einmal eine Schramme zufügen konnten.

Nach vier Stunden verließen die Frau die Kräfte. Ihre Lungen waren ausgetrocknet, denn die ganze Zeit über hatte sie keinen Schluck Wasser bekommen. Aus ihren zerplatzten Lippen quoll Blut hervor. Langsam sank sie in die Knie, und im Fallen sandte sie dem Boot, das mit der kleinen Barda langsam stromabwärts trieb, noch ein sanftes Lächeln hinterher. Das Lächeln galt auch dem Wort selbst und dem in ihm enthaltenen Gedankenbild, welche aufgrund der Bemühung der jungen Mutter zum Nutzen der heute lebenden Menschen Jahrtausende überdauert haben.

Das Wesen des Menschen bildet nicht allein der Körper. Unermeßlich Größeres und Bedeutenderes – unsichtbare Gefühle, Bestrebungen und Empfindungen – spiegeln sich nur teilweise im Materiellen wider.

Die kleine Barda wuchs zu einem Mädchen, dann zu einer erwachsenen Frau heran, und sie hatte Kinder. Sie lebte auf der Erde und sang. Mit ihren Liedern schenkte sie den Menschen ausschließlich lichte Emotionen. Wie ein allheilender Strahl halfen sie, die Trübsal der Seele zu vertreiben. Aber die Mühen und Nöte des Alltags führten dazu, daß die Quelle des Strahls beinahe erlosch. Doch bei dem Versuch, zu ihr vorzudringen, scheiterten die unsichtbaren dunklen Kräfte an einem einzigen Hindernis: demjenigen, der auf dem Pfade stand.

Das Wesen des Menschen liegt nicht im Körper. Der verblutende Körper des Barden hatte das lichte Lächeln seiner Seele in die Ewigkeit gesandt, und von dort wurde das Licht des unsichtbaren menschlichen Wesens reflektiert. Der jungen Mutter, die das Schwert hielt, brannte es in den Lungen, und Blut quoll aus ihren aufgesprungenen Lippen hervor, die das lichte Lächeln des Barden erhaschten...

RW

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