Die Nibelungensage: 700 Jahre verschmolzene Geschichte in nur einer Erzählung


Fritz Vater in „Sigfried – Die Sage von Germaniens Befreiung“ (2019)

Daß der „Arminius“ der römischen Quellen und der „Sigfried“ der deutschen Heldensage ein und dieselbe Person sind, ist keine neue Erkenntnis; sie wurde meines Wissens zuerst von Gisebrecht 1837 ausgesprochen. Aber die historische Forschung folgte nur zögernd auf diesem Wege, während Dichter und Schriftsteller dem Gedanken gegenüber aufgeschlossener waren. Es bedarf daher keiner besonderen Rechtfertigung, daß der Verfasser für seine Arbeit diesen Gedanken aufgegriffen hat, von dessen Richtigkeit er auch auf Grund neuerer wissenschaftlicher Forschungsergebnisse überzeugt ist. (S. 396)

Tacitus (11/88) schreibt: „In den Heldenliedern seines Volkes lebt er fort noch heute.“ Welches sind diese Lieder? Und wo sind sie hingekommen? Zweifellos mit jenen verloren, die Kaiser Karl um 800 sammeln ließ und sein Sohn Ludwig später vernichtete. Im Volksmund lebten sie fort in den Sagen, Abwandlungen davon blieben bei den Nordgermanen in der Edda erhalten; im mittelalterlichen Nibelungenlied erlebten sie ihre Auferstehung, wenn auch weit von ihrem Ursprung entfernt und nicht mehr auf die Zeit Armins bezogen. Dennoch lassen sich die Spuren zurückverfolgen. Aus dem Atli [Völsungen Sage] der Arminiuszeit wird der Attila (Etzel), die Hünen (germanische Bezeichnung für die Einwohner Westfalens) werden zu den Hunnen der Völkerwanderungszeit, die Donau (allgemeine Bezeichnung für einen Fluß), die zum Rhein führt, also die Lippe, wird zur Donau, die durch Ungarn fließt; neben Susat-Soest tritt Ofen als der Sitz Atli-Attilas usw. Wenn auch in diesem mittelalterlichen Nibelungenlied dann mannigfache Ereignisse der verschiedenen germanischen Stämme ihren Niederschlag fanden, vor allem der Untergang des Burgundenreiches am Mittelrhein 436 n. Zw., so glaube ich doch, daß seine Hauptgestalten bereits in den Urliedern angelegt waren, und gebe daher auch der Gestalt der Brünhilde in meiner Saga sowohl eine symbolische wie eine reale Deutung, Germanien und Hiltberta. (S. 406f)


Theodor Fuchs in „Arminius und die Externsteine. Der Kampf um die Geistesfreiheit Europas“ (1981)

Wie kommen wir nun von jenem ersten Siegfried und seinen Nachfahren im Amt des Eingeweihten auf Arminius den Cherusker? Ein Blick auf die Familientafel des Arminius, die sich aus den römischen Schriftquellen erschließen last, gibt uns den ersten Anhalt, der der Wissenschaft nicht verborgen geblieben ist. Der germanischen Sitte entsprechend, wurde bei der Vergabe der Namen an die engsten Blutsverwandten die Alliteration gewählt. So finden wir überall in der Sippe des Arminius Namen, die mit S oder gar Sig- beginnen: Sigimer hieß der Vater, die Mutter in der deutschen Sage Sieglinde (nordisch Signi), Segestes (Siggast) der spätere Schwiegervater, Segimund dessen Sohn, weiter Sesithancus, der wahrscheinlich Segithank genannt wurde, daneben ein weiterer Segimer, Bruder des Segestes. So muß auch – wie wir behaupten – der erste Name des Arminius Siegfried gewesen sein, also mit S oder Sig- begonnen haben. Dazu berichtet die deutsche Sage, daß Siegfried in Xanten am Niederrhein aufwuchs. Xanten aber war das römische Castra Vetera, jenes mächtige Kastell, in das sich die Reste des varianischen Heeres fluchteten.

Möglicherweise liegen der Sigurdsage der älteren Edda Berichte und Lieder zugrunde, die schon von den germanischen Hilfstruppen im Xantener Raum in den Jahrhunderten nach der Varusschlacht überliefert wurden. Tacitus berichtet ja davon. Außerdem wurde der Siegfried der Sage von der Hirschkuh gesaugt. Das kann doch nur heißen, das dieser jüngere Siegfried – wie oben schon erwähnt – von den Hirschleuten aufgezogen worden ist. Auch der Name Siegmund, den die deutsche Sage als Vater des Siegfried kennt, stimmt fast genau mit dem von Tacitus genannten Sigimer überein. Im Verlauf der weiteren Betrachtungen sollen noch andere Beispiele genannt werden, Beispiele, die zeigen, das es sich bei Arminius um einen der Nachkommen, und zwar um den historisch belegten des uralten Siegfried handelt, der ebenfalls diesen Namen trug.

Die weiter zurückgehende Geschichte der Siegfried-Eingeweihten schildert die Wälsungensage. Sie berichtet von jenem Kreis, der aus zwölf Eingeweihten bestand. Es ist der Stammvater Wälsi mit seinen elf Kindern. Er war vermahlt mit einer Walküre, also einer Tochter Wotans, was jedoch besagt, das sich das Geschlecht von Wotan selbst ableitete oder – modern ausgedruckt – das Wälsi
und seine Nachfahren in die Mysterien des Wotan, in die Drottenmysterien, eingeweiht waren. All das wird noch durch die im Hofe des Wälsungenstammhauses stehende Eiche betont, die der Irminsul entspricht. Wotansabstammung und -einweihung, verbunden mit der guten Seite der Willenskraft des Loki, ausgedruckt durch den Pferdephallos, sind die Wurzeln jenes Wälsungengeschlechts, nicht im Sinne einer blutsmäßigen, sondern einer geistigen Abstammung, die gleichzeitig das geistige Wissen aller Siegfried-Eingeweihten schildert.

Das gilt auch für die beiden ältesten Kinder Wälsis, die Zwillinge Sigmund und Signi (deutsch Sieglinde, beides Walkurennamen), die das aktive und passive Element des Menschen darstellen, die Schöpferkraft des Geistes und der Seele, Geistwelt und Astral weit. Sie bezeichnen zugleich die Entwicklung des menschlichen Bewußtseins. Darauf deutet auch Wotans Schwert hin, das der
Gott in die Eiche stieß. Es ist in der Bildsprache der Sage die Erkenntnis, die in den Willen vordringt. Sigmund, der allein es aus dem Stamm ziehen kann, ist wie alle „Nachkommen“ Wälsis ein Eingeweihter. Die Nahehe mit Sieglinde stärkt die Kräfte, die im Blut liegen, die in der Hauptsache zur damaligen Zeit noch die hellseherischen Kräfte waren, aber auch das Ich-Bewußtsein.


Gudmund Schütte in „Sigfrid und Brünhild. Ein als Mythus verkannter historischer Roman aus der Merowingerzeit“ (1935)

Schon längst hat man beobachtet, daß die Sage historische Bestandteile in unhistorischem Gefüge enthält. Im 12. Jahrhundert bemerken Ekkehard von Aurach, Otto von Freising und Gottfried von Viterbo, daß die Sage unrichtig Ermanrich, Attila und Theoderich den Großen als Zeitgenossen auffaßt, – denn der erste dieser Helden starb um 370 n. Chr., der zweite im Jahr 453, der dritte erst im Jahr 526. Wir sehen hier ausdrücklich bezeugt, daß die Sage die genannten historischen Helden in einen zyklischen Zusammenhang bringt. Es handelt sich mit anderen Worten um den Komplex der Nibelungensage.

In Wirklichkeit dürfen wir sagen, daß die Nibelungensage – in der Fassung der „Edda“ und der „Thidrekssaga“ – das Hauptgebiet der großen Völkerwanderung umspannt: die Episode Ermanrichs im 4. Jahrundert, die Episoden Attilas und Gunthers im 5. Jahrhundert und die Episode Theoderichs im 6. Jahrhundert. Die Sage ist der Versuch der Germanen, ihre größten historischen Erlebnisse festzuhalten und in epischem Zusammenhang zu bringen. (S. 7)


Fazit

In der Nibelungensage haben wir es also mit mindestens drei verschiedenen Schichten von Geschichtsepochen zu tun: Der Völkerwanderungszeit (4.-6. Jhd. n. Chr.), der Arminiuszeit (1. Jhd. n. Chr.) und der Wälsungenzeit (1. Jhd. v. Chr.). Die jüngste Epoche, die Völkerwanderungszeit, bildet dabei die oberste Schicht, die die beiden unteren (älteren) Schichten überlagert. Diese Schicht entspricht der Fassung der Nibelungensage, wie wir sie heute kennen. Dennoch scheinen noch Spuren der mittleren Schicht, der Arminiuszeit, hindurch, wie oben gezeigt wurde. Und es muß einmal die unterste Schicht, das Urlied bzw. die Ursage über Wälsi und seine elf Kinder, die zwölf Eingeweihten, existiert haben, wovon uns die Wälsungensage noch Kunde gibt.

Einige interessante Parallelen zur Zahl 12 aus der Völkerwanderungszeit:
- Dietrich von Bern, ein Held aus der jüngsten Schicht, der Völkerwanderungszeit, hatte zwölf Kämpen (Kämpfer/Krieger).
- König Artus, ebenso ein Held aus der Völkerwanderungszeit, hatte zwölf Ritter (andere Quellen berichten von bis zu 300)
- Laut der Historia Brittonum soll König Artus in zwölf Schlachten siegreich gegen die Sachsen gekämpft haben.

Um eine ungefähre Zeitspanne nennen zu können, wie viele Jahrhunderte der Geschichte die Nibelungensage enthält, brauchen wir dazu zunächst ein paar Eckpunkte:

- das Geburtsjahr von Arminius-Siegfried: 17. v. Chr.
- Wälsi ist laut der Wälsungensage der Großvater von Siegfried bzw. Sigurd (so heißt die nordische Variante unseres Siegfrieds).
- geschichtlich endet die Nibelungensage mit der Niederlage König Dagoberts gegen König Samo im Jahre 630 n. Chr.

Nimmt man nun durchschnittlich für eine Generation 25 Jahre an, so könnte Wälsis Geburt um das Jahr 70 v. Chr. liegen. Damit sind Anfangs- und Endpunkt der Nibelungensage aus historischer Sicht ungefähr bestimmt. Von der geschätzten Geburt Wälsis um 70 v. Chr. bis zum Krieg Dagobert gegen Samo um 630 n. Chr. sind es rund 700 Jahre.

Um eine Vorstellung dieser beachtlichen Leistung unserer Vorfahren, der Germanen, zu bekommen: Der geneigte Leser möge einmal versuchen, unsere Geschichte vom heutigen Tage an bis etwa ins Jahr 1300 in einer einzigen Sage unterzubringen. Und zwar so, daß sich bei genauerer Betrachtung noch Spuren bis in die älteste Zeit zurückverfolgen lassen. Das wäre wahrlich eine Meisterleistung!

Das Schlußwort überlasse ich an dieser Stelle Gudmund Schütte: „Und damit verlassen wir jene germanische Riesendichtung, die, nachdem wir sie von den Schlacken des mythischen Phantasiegebildes befreit haben, als eine der reichsten historischen Kulturbilder und der tiefsten Menschenschilderungen der Weltliteratur stehen bleibt.“


Weitere Forschungsliteratur zu dem Thema:

Otto Hofler: „Siegfried, Arminius und der Nibelungenhort“, Wien 1978
Ulrich von Motz: „Siegfried-Armin, Dichtung und geschichtliche Wirklichkeit“, Pähl 1953
Ernst Bickel: „Arminiusbiographie und Sagensigfrid“, Bonn 1949
Jan de Vries: „Kelten und Germanen“, München 1960, 131 ff.

RW

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